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Unternehmen: Kann die Wirtschaft in Bernau noch wachsen? Die Politik diskutiert über
Steuerung, das Gewerbe will verlässliche Bedingungen. (Moz / Sophia Schwan im Interview mit Vorsitzendem des UV-Barnim Mark-Anfré Krüger)

Während in Bernau darüber diskutiert wird, ob es verbindlichere Kriterien für die Vergabe von Gewerbeflächen braucht, stellt sich aus Sicht der Wirtschaft eine grundlegendere Frage: Gibt es überhaupt noch ausreichend Flächen, über die gesteuert werden kann? Der Unternehmerverband  Barnim blickt nüchtern auf die Debatte – und formuliert Erwartungen, die weniger nach Strategiepapier klingen als nach Alltagspraxis. Grundsätzlich bestehe in Bernau ein klarer Bedarf an zusätzlichen Gewerbeflächen, sagt der Vorstandsvorsitzende des Unternehmerverbands Barnim, Mark-André Krüger. „Wie allgemein wünschte man sich natürlich in Bernau weitere Gewerbeflächen, um Ansiedlung von Unternehmen, eventuell sogar produzierendes, leises Gewerbe, auch in Bernau ansiedeln zu können“, so Krüger. Der Bedarf komme dabei nicht nur von außen. „Teilweise wünschen sich Bestandsunternehmungen ebenfalls Flächenerweiterungen.“ Damit widerspricht der Verband indirekt der Vorstellung, Gewerbeflächen würden vor allem für neue Großansiedlungen benötigt. Wachstum finde auch im Bestand statt – wenn man es ermögliche. Kurzfristig geht nicht Was Unternehmen vor allem fehle, sei Planungssicherheit. Investitionen ließen sich nicht kurzfristig organisieren. „Planungssicherheit für Unternehmen kann nur entstehen, wenn mit ausreichendem Vorlauf – zwei bis drei Jahre im Voraus – Flächen offeriert werden können“, betont Krüger. Dazu gehörten nicht nur Grundstücke, sondern gleichfalls funktionierende Rahmenbedingungen: „Dazu zählen natürlich die logistischen Voraussetzungen als auch die ausreichende medientechnische Erschließung.“

Mindestens ebenso wichtig sei der Umgang der Verwaltung mit den Betrieben. „Grundsätzlich ist eine Flexibilität und ein unternehmerfreundliches Handeln der Behörden und Ämter erforderlich“, so Krüger. Ohne diese Voraussetzungen blieben selbst ausgearbeitete Leitlinien wirkungslos.

Deutlich wird der Unternehmerverband bei der Bewertung der Wirtschaftsförderung auf Landkreisebene. „Die Unternehmerschaft im Barnim ist mit der landkreiseigenen Wirtschaftsförderung durch die Wirtschaftsund Tourismusentwicklungsgesellschaft (WITO) unzufrieden“, weiß Krüger. Diese Unzufriedenheit habe Folgen gehabt. „Deswegen haben sich einzelne Städte und Gemeinden so strukturiert, dass eine eigene Wirtschaftsförderung entstanden ist.“

Für Bernau sei eine verlässliche und dauerhaft besetzte Wirtschaftsförderstelle genauso wünschenswert. Genau diese Stelle ist derzeit jedoch unbesetzt.
Nach Angaben der Stadtverwaltung ist die Position seit Anfang Oktober 2025 vakant. Die Aufgaben würden vertretungsweise von einer Kollegin mit übernommen.
Die Stadt zeigt sich dennoch optimistisch: 
Die Stelle sei öffentlich ausgeschrieben gewesen, Bewerbungsgespräche hätten bereits stattgefunden, eine Besetzung werde in den kommenden Wochen erwartet.
Zum Aufgabenprofil gehören laut Stadt die Wirtschaftsförderung sowie der Bereich ÖPNV. Eine Bündelung, die aus Verwaltungssicht Synergien schaffen soll – aus Sicht der Unternehmerschaft aber die Frage aufwirft, wie präsent Wirtschaftsförderung sein kann, wenn sie über Monate nur nebenbei organisiert wird. In Bernau seien die Gewerbeparks
räumlich voneinander getrennt. In der Vergangenheit habe es dennoch funktionierende Abstimmungen gegeben. „Durch die stadteigene STAB gelang es, hier koordinierend und zuverlässig für die Unternehmen zu wirken“, sagt Krüger. Doch diese Rolle stoße an Grenzen. „Dies ist nunmehr aufgrund der fehlenden Gewerbeflächen natürlich nur eingeschränkt feststellbar.“ Koordination helfe – aber nicht, wenn es nichts mehr zu koordinieren gebe.
Ein überzeichnetes Wachstumsversprechen macht der Unternehmerverband nicht. Der kleinteilige Mittelstand werde auch künftig das Rückgrat der Bernauer Wirtschaft bilden.

„Der kleinteilige Mittelstand in Bernau wird weiterhin ein fester Bestandteil sein“, so Krüger. Das liege an der historischen Stadtstruktur. Zwar könne eine überschaubare Ansiedlung industriell arbeitender Betriebe sinnvoll sein, realistisch bleibe Bernau jedoch vor allem eines: „Bernau wird weiterhin vornehmlich eine Schlafstadt für die Arbeitnehmerschaft sein“, sagt er.
Beim Thema Fachkräfte verweist der Unternehmerverband auf die Bundes- und Landespolitik. „Die allgemeine deutschlandweite Problematik der Fachkräftefindung kann nicht gesondert auf die Stadt Bernau betrachtet werden“, so der Unternehmer. Anders sehe es bei Energie und Mobilität aus. Hier kommen den Stadtwerken eine Schlüsselrolle zu. „Die städtischen Stadtwerke haben eine nicht zu unterschätzende Versorgungsaufgabe zeitnah zu lösen, um die Stromversorgung gerade im Hinblick auf die notwendig zu erhöhende Ladesäulenkapazität sicherzustellen“, sagt Krüger. Zudem müssten sie „ihren Fernwärme-Energiefaktor für eine umweltbewusste Versorgung der Stadt Bernau neu zertifizieren“. Nachholbedarf bestehe. Strukturelle Unterschiede zwischen Bernau und Eberswalde sieht der Unternehmerverband kaum. „Grundsätzlich sehen wir keine bedeutenden Branchenoder Strukturunterschiede für neue Gewerbeflächen in Bernau und Eberswalde“, erläutert Krüger. Der Unterschied liege woanders. Rückblickend sei „die Unternehmerfreundlichkeit in Verbindung mit flexiblem Handeln in der Stadt Eberswalde ausgeprägter“ gewesen.