Wirtschaft: Bei 3485 Unternehmen im Barnim wird in den kommenden Jahren der Chef in
Rente gehen. Wer die Leitung übernimmt, ist oft unklar. (Moz / Sophia Schwan im Interview u.a. mit Lutz Graupner - Vorstandsmitglied im UV-Barnim e.V.)
Was passiert mit der Autowerkstatt um die Ecke, dem Bauunternehmen oder dem Steuerbüro, wenn der Chef in Rente geht? Im Barnim stellt sich diese
Frage in den kommenden Jahren 3485 Mal. So viele IHK-zugehörige Unternehmen haben nach Angaben der Industrie- und Handelskammer (IHK) Ostbrandenburg Inhaber, die 55 Jahre oder älter sind. In den nächsten fünf bis zehn Jahren müssen sie klären, wer übernimmt – oder ob der Betrieb
schließen muss. Nach Zahlen der IHK Ostbrandenburg verteilen sich die potenziell betroffenen Betriebe so: 304 Industriebetriebe, 240 aus dem Bau, 715 im Handel,138 im Transport, 219 in der Gastronomie und 1869 im Dienstleistungssektor.
Es geht also um genau jene Branchen, die den Alltag der Region prägen.
Aktuelle Auswertung
Die aktuelle Auswertung der IHK zeigt: 34,1 Prozent planen
die Aufgabe ihres Betriebs, weitere 24,7 Prozent haben noch keinen konkreten Plan. Fast 60 Prozent stehen damit ohne gesicherte Nachfolge da.
„Wenn wir überlegen, dass wir diese Anzahl eventuell verlieren, weil sich niemand findet, dann ist das natürlich für die Region katastrophal“, sagt Professorin Heike Walk von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE). Um zu verstehen, warum diese Lücke so groß ist, lohnt sich ein Blick auf die Ursachen. Walk forscht zu nachhaltigem Wirtschaften und neuen Formen der Unternehmensführung. Im Projekt „Inno4Ufo“ untersucht sie, wie Betriebe in ländlichen Räumen weitergeführt werden können – auch dann, wenn sich kein einzelner Nachfolger findet.
Nach Einschätzung des Barnimer Unternehmerverbands vergleichen viele potenzielle Nachfolger das Risiko einer Selbstständigkeit mit einem sicheren Angestelltenjob – und entscheiden sich im Zweifel für Planbarkeit und weniger Verantwortung. Walk ergänzt diese Sicht um eine gesellschaftliche Perspektive und verweist auf ein Bündel von Entwicklungen: „Wir sehen ein Zusammentreffen mehrerer Faktoren“, sagt sie. „Eine neue Generation hat andere Erwartungen an Arbeit und Verantwortung – und gleichzeitig erleben wir wirtschaftliche Unsicherheiten, internationale Krisen und Zukunftssorgen.
Das beeinflusst, ob sich jemand eine alleinige Unternehmensführung zutraut.“
Das Bild ist damit nicht eindeutig negativ: Gleichzeitig beobachtet die IHK Ostbrandenburg nach eigenen Angaben zuletzt wieder etwas mehr Interesse an Übernahmen. Doch selbst wenn Interesse vorhanden ist, bleibt ein weiteres Problem – manche Betriebe sind schlicht nicht ausreichend auf eine Übernahme vorbereitet. Unklare Strukturen, fehlende Transparenz oder ein Investitionsstau schrecken Interessenten ab, heißt es aus dem Barnimer Unternehmerverband. „Nachfolge ist selten eine Entscheidung in Monaten – sondern ein Vorhaben, das über Jahre vorbereitet werden sollte.“
Viele Übernahmen scheiterten nicht am Willen, sondern an der Komplexität von Finanzierung, rechtlichen Fragen und Bürokratie. Besonders betroffen seien kleine und mittlere Betriebe, in denen viel Verantwortung auf einer Person laste. Wenn klassische Übergaben ins Stocken geraten, stellt sich die Frage nach Alternativen zum Einzelunternehmer. Übernahmen im Team oder als Genossenschaft bewegen sich im Barnim jedoch bislang im einstelligen Prozentbereich. Für Walk liegt das vor allem an fehlender Information. „In der Regel wird das deshalb nicht wahrgenommen, weil es kaum Informationen
oder Beratungen dazu gibt.“ Der Barnimer Unternehmerverband beobachtet, dass gemeinschaftliche Modelle häufiger diskutiert werden – vor allem dann,
wenn kein „klassischer“ Nachfolger sichtbar ist oder Mitarbeitende bereits Verantwortung tragen. Doch einfach ist das nicht: Wer gemeinsam übernehmen will, braucht klare Strukturen, eine solide Finanzierung und jemanden, der den Übergabeprozess professionell begleitet. Dass es funktionieren kann, zeigt die Eberswalder Kfz-Werkstatt 1a Autoservice Barnim GmbH, die im Rahmen des HNEE-Forschungsprojekts „Inno4Ufo“ begleitet wurde. Gemeinsam mit den
18 Mitarbeitenden entstand ein genossenschaftliches Übernahmekonzept, die Gründung steht kurz bevor.
„Viele sind durchaus bereit, Verantwortung zu übernehmen – möchten dies aber nicht alleine tun“, sagt Walk. In der Landwirtschaft sei dieses Modell historisch stärker verankert, etwa durch gemeinschaftliche Nutzung von Infrastruktur – im Handwerk dominiere dagegen traditionell der Einzelunternehmer. Was folgt daraus? IHK und Unternehmerverband raten, früh zu beginnen, Strukturen zu ordnen und den Suchradius zu erweitern
– statt darauf zu hoffen, dass sich „irgendwann schon jemand findet“. Auch Teilverkäufe oder mehrere Gesellschafter könnten Wege sein. Es stehe viel auf dem Spiel: Arbeitsplätze, Ausbildung und lebendige Ortskerne. Walk bringt es auf den Punkt: „Die Frage ist nicht, ob wir neue Modelle brauchen. Die Frage ist, ob wir es uns leisten können, funktionierende Betriebe einfach zu verlieren